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© 1987 - 2017 z.B.
Bildrecht Wien
Birgit Zinner
(...) Da mit dem Zusammenbruch der ästhetischen Totalität des Gemäldes seine Materialität und Produziertheit nicht mehr ausgeblendet werden, sondern offen zu Tage treten, können der Prozess der Entstehung des Gemäldes – oder eher: dieses eigentümlichen Effekts `Gemälde´ – und damit zusammenhängend die eingesetzten Materialien, Gegenstände, Halbfertigprodukte und technischen Mittel zu dem werden, was das Gemälde zu sehen gibt: das, was materiell gegeben ist und was, auf einer ersten Ebene, sich tautologisch selbst zeigt (ohne etwas anderes zu zeigen, zu bedeuten oder zu meinen). Nur dass, auf einer zweiten Ebene, die ästhetische – oder präziser: die ästhetisierende – Wahrnehmung die bloß zusammengeschraubten und –geklebten, in der Sache zusammenhanglosen, aus Papier oder Karton ausgeschnittenen oder aus Holz ausgesägten linearen oder flächigen Formen doch wieder in eine kompositionelle Einheit hineinzwingt, so sehr auch offensichtlich keine vorgängige Einheit existiert hat. Und diese `hineingesehene´ kompositionelle Einheit erzeugt, als ein sichtbarer, `unwahrer´ Effekt, den Eindruck von Intentionalität und Subjektivität: die visuellen Beziehungen von Holzfragmenten oder Papierstücken mit ihren Farben und Formen beginnen zu sprechen, beginnen eine fiktive Subjektivität zum Ausdruck zu bringen – die montierten flachen Körper erschaffen ein Autorsubjekt quasi von selbst, vor unseren Augen. Die Betrachter können sich dabei zusehen, wie sie ein Autorsubjekt fingieren; in einer unabweisbaren Fiktion, in einem Prozess, der unwillkürlich abläuft, der nur mit bewusstem Gegenhalten gestoppt werden kann. Ist Subjektivität – und mit ihr Bedeutung und Ausdruck – also eine Fiktion des Rezipienten?

Von einem traditionellen Gemälde (und das schließt die Moderne in der Malerei noch ein) aus gesehen ist in den Arbeiten von Birgit Zinner noch nicht einmal der Prozess der Vorbereitung eines Gemäldes abgeschlossen: es gibt noch keine materiell einheitliche Trägerfläche, keine in der Form geschlossene, einfache Holztafel oder Leinwand. Doch der analytische Weg verlief umgekehrt: die Einheit der Bildfläche hat sich als eine hartnäckige Konvention der Wahrnehmung erwiesen, als eine komplexe Wirkung des kulturellen Phänomens `auktoriales Kunstwerk´. Birgit Zinner verstrickt die Malerei mit ihrem eigentümlichen Effekt `Bild´ in einen vielschichtigen, komplexen Produktionsprozess, in dem in immer neuen Schritten schon vorgegebene oder einzeln, ohne kompositionelle Vorgabe vorgefertigte Formen zusammenmontiert oder collagiert werden. Die Formen werden aus gebrauchtem Holz bzw. Faserplatten und Sperrholz gesägt und dann zusammengesetzt. Die Arbeit mit der elektrischen Säge erfordert Körpereinsatz, ist also, wie der Holzschnitt, stark durch Materialbedingungen geprägt, und realisiert nicht eine schon vorgegebene `ideale´ Form.

Dabei montiert Birgit Zinner die ausgesägten linearen oder flächigen Formen nicht nur in der Fläche, sondern auch im Übereinander von Schichtungen; es geht nicht darum, einen dreidimensionalen, materiellen Raum zu erzeugen, den Bildraum und den realen Raum des Betrachters zusammenfallen zu lassen, sondern darum, die Bildeffekte des Zusammenmontierens zu verstärken, die Arbeit dieses `Bastelns´ deutlicher werden zu lassen, und damit den Effekt `Bild´ noch fremder werden zu lassen. Der Betrachter sieht deutlich, wie hier in teilweise vielen Schichten flache Elemente über- und nebeneinander montiert worden sind, die nicht einmal eine geschlossene Bildebene ergeben, sondern ein stufenförmiges und durchlöchertes Relief: und dennoch schießt diese materielle Konstellation in der Wahrnehmung zusammen, zu einer fiktiven Einheit des Bildes.

Dieser Prozess bleibt so deutlich sichtbar und bringt so sehr das, was sich in der fertigen Arbeit zu sehen gibt, im Durchgang durch die verschiedenen Verfahren erst hervor, dass es fast keinen Endzustand gibt, kein fertiges Gemälde. Deutlich sichtbar könnten die einzelnen Elemente auch anders kombiniert werden, es könnten welche weggenommen oder hinzugetan werden: was sich zeigt, ist ein momentaner Zustand des Prozesses, kein endgültiger Zweck, zu dessen Gunsten die Mittel vergessen werden sollen oder können.
Solche Verfahrensweisen nähern sich einerseits industriellen Methoden der Erzeugung von Farbformen, mit ihren seriellen Fertigungen, ihren Schablonen, ihren Schichtungen und ihrer Ökonomie der Mittel; zum anderen nähern sie sich dem Gebrauch von Ornamenten und von Pattern, von nichtselbständigen, ihren Träger betonenden oder markierenden Formen und Farben.

Dr. Johannes Meinhardt, Tübingen 2008